Freitag, 12. Mai 2006

Mit Stoppuhr und Funktelefon

Die Thurgauer Fotografin Susann Basler hat einen Tag im Leben von Bruder Leo Gauch im Kloster Fischingen festgehalten

fischingen. Das Mönchsleben ist nicht schwarz-weiss, sondern farbig. Bruder Leo gab einer Fotografin Einblick in seinen Alltag; dabei sind sensible Bilder entstanden.

martin preisser

«Unser Leben im Kloster ist bunt und abwechslungsreich. Und als Mönche sind wir keineswegs abgehoben von der Welt», sagt Bruder Leo. Nicht zuletzt gegen gängige Klischees geht die Ausstellung in der Bibliothek des Klosters Fischingen an. Die Thurgauer Fotografin Susann Basler hat den ganz normalen Alltag des 1964 in Frauenfeld geborenen und seit zwanzig Jahren in Fischingen tätigen Bruders Leo Gauch mit der Kamera eingefangen.

Sensible Nähe

Sensible Bilder sind dabei entstanden, nie gestellt, spontan, alltägliche wie religiöse Verrichtungen zeigend, Fotos, die nicht stilisieren. Die Ausstellung verrät den aufmerksamen, wachen Blick der Fotografin, die im richtigen Moment «da» ist und mit ihrer Motivwahl den Mönchsalltag natürlich auch interpretiert. Susann Basler gelingt Nähe, aber eine sensible, nie aufdringliche Nähe. Nicht selten schaut sie dem Mönch fotografisch über die Schulter. Überraschende Momente sieht man da, und trotzdem wirkt alles sehr natürlich. «Mir ist erst beim Betrachten der Bilder aufgefallen, welche festen Gesten und Bewegungen anscheinend zu mir gehören. Mir war bis dahin gar nicht so konkret bewusst, dass ich stets mit dem Funktelefon herumlaufe und immer abrufbereit bin», interpretiert Bruder Leo die Sicht der Fotografin auf seinen ganz normalen Klosteralltag.

Beten und arbeiten, das zeigen die Bilder. Aber auch Bruder Leo beim Zähneputzen, beim Keyboard-Spielen, mit der Stoppuhr am Arm, die neben der Soutane auffällt. Bruder Leo scheint immer in Bewegung, in Begegnung, im Gespräch. Arbeit und Freizeit sind fliessend. Einen Tag pro Monat hat er zur freien Verfügung. Schwimmen im Säntispark ist da eines seiner Hobbys. Der Benediktiner ist im Leitungsteam des Klosters für die Betreuung der Gäste und Führungen zuständig. ausserdem ist der Mönch mit dem Stecker im linken Ohr Vorsänger in der Mönchsgemeinschaft.

Der Mönch beim Sonnenbaden

Sein Schritt, den Mönchsalltag einer breiteren Öffentlichkeit sichtbar zu machen, ist sicher ungewöhnlich. Den Segen seines Vorgesetzten im Kloster hat er. «Es ist spannend und ein gewisses Abenteuer, jemanden in seine Privatsphäre eindringen zu lassen, zu wissen, dass damit viel auch nach draussen geht.» Die Reaktionen auf die Bilder von Susann Basler seien bisher nur positiv gewesen, sagt Bruder Leo. Gebet, Versenkung und alltägliche Verrichtungen wie am Computer sitzen, das geschieht bei ihm in fliegendem Wechsel. Diskret hat ihm Susann Basler bei all dem zugeschaut, aber auch liebevoll und mit einer Portion Humor, «ora et labora» in gelungener fotografischer Umsetzung. Und auch die Verschnaufpausen, der Blick aus dem Fenster oder ein Sonnenbad in der Februarsonne, fehlen nicht.

Bibliothek des Klosters Fischingen. Bis Sonntag, 28. Mai, Finissage 15 Uhr (mit einer Überraschung).

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